1889 - Vereinsgründung
1889 herrscht in Deutschland das Kaisertum. Das öffentliche zur Schau stellen von entblössten Körperteilen ist verpönt. Leibesertüchtigung ist völlig unbekannt und das Wort "Sport" noch längst nicht eingedeutscht.
In diesem Umfeld finden sich fünf Jugendliche zusammen, die die Begeisterung für die neu entstandenen englischen Sportarten teilen.
Hier der unübertroffene Originaltext aus der Festschrift zum 25jährigen Bestehen des Vereins von Otto Colosser:
Es war an einem schönen Sommerabend, da fanden sich 1889 fünf junge Bürschlein mit dünnem Geldbeutel, aber vollgefüllt mit Idealen zusammen und taten das, was man als deutsche Nationaltugend zu bezeichnen pflegt:
Sie gründeten einen Verein. Dabei ist ja, da es eine dem Deutschen im Blute liegende Eigenschaft ist, an sich nichts Sonderliches zu finden. Vereine aller möglichen Arten sprießen ja im lieben deutschen Vaterlande tagtäglich wie die Pilze aus der Erde, vergehen auch oft ebenso schnell wieder. So werden auch die fünf Berliner Jünglinge kaum eine entfernte Ahnung von dem gehabt haben, was sie an diesem warmen Sommerabend für einen bedeutsamen Schritt taten. Ihre Namen seien der Nachwelt nicht vorenthalten. Es waren als Senior Otto Baudach, geb. 20. Januar 1870, Franz Baudach, geb.23. Mai 1872, Paul Heyne, geb. 14. März 1872, Karl Hesse und Paul Hochstein. Nicht zufällig sind diese Jünglinge auf die Idee der Gründung eines Fußballklubs gekommen. Das Samenkorn hatte in ihren Schuljahren ihr sportfreudiger Lehrer Kopsch, der jetzige freisinnige Reichs- und Landtagsabgeordnete, bereits in die jungen Herzen gelegt. Während die beiden letzteren bald wieder von der Bildfläche verschwanden - Jugend geht schnell mit fliegenden Fahnen los und ebenso schnell ist oft die Begeisterung wieder dahin -, ist das übrig-bleibende Triumvirat bis heutigen Tages dem Sporte treu geblieben, hat ihm, darf man wohl sagen, alles geopfert, was Menschenherz ihm opfern kann. Paul Heyne allerdings wurzelte nicht so fest in der jungen Schöpfung, aber sein Name ist aufs engste mit einem ebenso alten Berliner Verein verknüpft, der manches Jahr hindurch mit uns um die Palme gerungen hat, dem Berliner FC. Stern, welcher nur wenige Wochen vor unserer Viktoria das Licht der Welt erblickt hat. Die bei den anderen Väter unseres Klubs aber haben ihm, darüber lange zu reden hieße Eulen nach Athen tragen, ihr ganzes Leben gewidmet und denken, wie wir heute noch tagtäglich sehen, nicht daran, von ihrer Jugendliebe zu lassen. Viktoria war und ist ihnen alles, Eltern, Schwester, Braut, Frau. Nicht umsonst, darf man wohl sagen, ist Otto Baudach unbeweibt geblieben und nicht umsonst hat Franz erst vor einigen Jahren den Eingang in den Ehehafen gefunden. Sie hatten keine Zeit zu irgend welchen anderen Gedanken als den der Sorge um ihre Schöpfung.
Das Protokoll, welches uns in die tiefsten Geheimnisse des jungen Kindes einweiht, darf nicht der Vergessenheit anheimfallen. So findet der spürende Geschichtsschreiber die Sitzung vom 20. Juli mit der Tagesordnung Statuten- verlesung unter Anwesenheit - wie seid ihr doch zu beneiden gewesen - aller Mitglieder. Sie nehmen sich wunderlich aus, diese Statuten, im Zeitalter des Kapitals, in dem wir jetzt leben. Da heißt es z. B.: Der Verein bezweckt die Pflege des Tor- und Fußballspiels. Es ist kein Zufall, daß das Wort "Tor" an erster Stelle steht, denn der Verein hat seine Tätigkeit mit dem Cricketsport (Torball ist die Verdeutschung davon, die sich aber nicht eingebürgert hat) begonnen. So feiern denn also die Gebrüder Baudach auf diesem Gebiete ihr 25jähriges Jubiläum als aktive Sportsleute, und es ist ein Zeichen ihrer glänzenden sportlichen Fähigkeiten, die im Fußball auf gleicher Höhe standen, daß sie noch heute zu den Besten dieses Sportes in Berlin gehören.
Die Leitung des Vereins liegt, so heißt es weiter, dem Vorstand ob, der aus dem ersten Vorsitzenden, dessen Stellvertreter, der zu gleicher Zeit Zeugwart ist, dem Kassierer, dem Schriftführer und dem Spielkaiser besteht.
Was würde unser braver Hebak jetzt zu dem Nebenamt des Zeugwartes sagen, das damals gleichbedeutend mit Zimmermann, Packesel und vor allem Schuhmacher in einer Person war, denn damals flickte der Zeugwart höchst eigenhändig seine Bälle mit Pechdraht und Nadel! Auch der Ausdruck "Spiel-Kaiser", den man scherzend noch heute gebraucht, ist eine Schöpfung dieser Zeit. Welch' klangvoller Name für den wackeren Spielwart oder Kapitän unserer Zeit.
Der Monatsbeitrag der jungen Schöpfung ist mit 75 Pf. angesetzt. Als Eintrittsgeld werden 50 Pf. genannt.
Einen weisen Weitblick entfalteten die Jünglinge vor 25 Jahren; wo das politische Leben noch keineswegs so auf die Spitze getrieben war wie heute, indern sie schon in ihre ersten Gesetze den Paragraphen aufnahmen: Politische und sonstige öffentliche Angelegenheiten dürfen nicht erörtert werden, ein Grundsatz, der noch heute nicht nur unser ehernes Gesetz, sondern des Sportes überhaupt ist.
In der Sitzung vorn 27. Juli finden wir unter anderm den Eintritt der Mitglieder William Pahlke, Hermann Obst und Karl Bobe, dreier Sportsleute, die sich einen guten Namen in ihrer Zeit gemacht haben. Pahlke sehen wir späterhin hauptsächlich als tüchtige Kraft wie Heyne im F. C. Stern, während Obst, der
Worpitzky damaliger Zeit, und Karl Bobe der Sache treu blieben. Obst gab späterhin einen tüchtigen Vereinsvorsitzenden ab. Karl Bobe deckt bereits seit langem der grüne Rasen.
Das erste Gruppenbild des gesamten Vereins aus 1894
1890 - Probleme
Im Sitzungsprotokoll festgehalten, wird bedauert, dass das Leder des Balles sehr beschädigt sei. Für jedes treten des Balles ausserhalb des Spieles, also auch in der Pause wird eine Strafe von 25 Pfg. erhoben.
Es wird beschlossen, aus dem Vereinsvermögen 3 m lange Malstangen zu erwerben (mit einer Schnur verbunden als Tor dienend) sowie die Strafzahlungen der Spieler für verlorene Spiele (25 Pfg.) abzuschaffen.
Die Vereinbarung von sportlichen Auseinandersetzungen mit anderen Vereinen gestaltet sich nicht ganz einfach, da jeder Verein mehr oder weniger nach seinen eigenen Regeln spielen möchte. Hierzu ein kurzer Auszug aus einer Sitzung zur Vereinbarung eines Spiels zwischen Viktoria Berlin und FC Stern:
Am 5. August 1890 fand dann unter Leitung von Franz Hein die denkwürdige Sitzung zwischen Stern und Viktoria statt. Viktoria vertraten die Herren Hein, O. Baudach, Pahlke, A. Horn, Seifert und K. Bobe; Stern die Herren Anders, Gerhardt, P. Heyne und W. Lehmann. Stern brachte schon ein festes Programm mit, das zum Teil nicht ohne historische Bedeutung ist. Wir lesen da:
- Es sollen 9 Spieler von jeder Partei spielen.
- Der Ball muß, sobald er über die Grenze ist, richtig eingeworfen werden.
- Eine Partie (also ein Goal) zählt nur, wenn der Ball weder die Stange noch die Schnur berührt hat. (Damals verband man die Stangen mit einer Schnur, Querstangen gab es noch nicht.)
Das Wettspiel beginnt um 5 Uhr und dauert bis 7 Uhr!
Der Platz hinter der Bockbrauerei, auf dem Stern spielt, wird benutzt. Die Malstangen sollen 8 Schritte voneinander entfernt sein. Die Länge des Platzes soll 120, die Breite 50 Schritt betragen.
Mit diesen und anderen mehr oder weniger gewaltigen programmatischen Vorschlägen wanderte nun Viktoria zur internen Beratung nach Hause. Es waren also nur Vorverhandlungen. Festgelegt wurde nur - die alten Deutschen tranken zu jeder Zeit gern eins -, daß nach dem Spiel ein fideler Abend in Stern's Lokal, Markgrafenstraße 8 bei Ruflede, sein solle.
Am 6. August sah man sich nun wieder. Bobe beantragte für Viktoria nicht 9, sondern 11 Spieler vorzusehen. Da sich aber Stern in der eigenen Sitzung auf 9 festgelegt hatte, schlug der Diplomat Hein den Mittelweg 10 vor, was angenommen wurde.
Der von Stern vorgeschlagene Schiedsrichter wird abgelehnt - ganz wie heute noch üblich - und Hein übernimmt es, jemand aus "Frankfurt" oder "Germania" zu besorgen, zwei älteren und damals bedeutenderen Klubs.
Zu dem Spiel wird als erste bekannte Zehnermannschafi Viktorias aufgestellt:
Raitzsch
A. Horn / O. Baudach / Blechschmidt
Friese / K. Bobe
Obst / F. Baudach / Hein / Seifert
Wir sehen also drei Verteidiger, zwei Läufer und vier Stürmer. ln einer der nächsten Sitzungen traten Pahlke und Franz Hein aus - also auch damals, lieber Franz, trat man schon aus, wenn man sich mal verknurrt hatte.
Die neue Vorstandswahl sah dann Meister als ersten, F. Baudach als zweiten Vorsitzenden, W. Horn als Schriftführer und Seifert mit dem Riesen-kassenbestand von 6,94 M. als Finanzminister.
Noch immer ziehen sich durch verschiedene Sitzungen die "schwierigen" Beratungen mit Stern hin. "Man glaubt gar nicht, was das Zustandebringen eines Fußballspiels für ,unglaubliche' Mühen verursacht!"
Der mehrfache Cricketmeister des ersten Jahrzehnts
1891 - Erste Jugendmannschaft Berlins
Viktoria spielt als einziger Verein mit 3 Verteidigern Fussball, stellt eine 2. Herren Mannschaft auf und gründet die erste Jugendmannschaft Berlins.
1892 - Strenger Winter
Die Vereinschronik meldet einen strengen Winter der Sport für längere Zeit unmöglich macht. Neben Fussball und Cricket wird der Sommer mit atlethischen Meetings ausgefüllt:
... Auch an öffentlichen Veranstaltungen nahm unser Club teil; so errang im 220 Yards Juniorenlaufen unser Mittelstüürmer Obst den zweiten Preis. Bei einem Dreibeinlaufen auf einem weiteren Meeting belegten wir mit den Brüdern Baudach und Kießmann-Kugler dier ersten Plätze ...
1893
Viktoria ringt im Kampf um die Berliner Fussballmeisterschaft seinen Spezialrivalen Germania nieder und sichert sich auch im folgenden Jahr die Meisterschaft. Besonders erwähnt wird der erste Auslandskontakt:
... Am 31. Oktober lesen wir in den alten Protokollen zum ersten Male von einer ausländischen Mannschaft. Der Bundesvorstand hat ein Spiel gegen die Prager Regatta, den Vorläufer des heutigen D. F. C., genehmigt, ein damals unerhörtes Beginnen. Von dieser Verbindung her zitiert man oft in Prag: Viktoria sei der Lehrmeister des Prager Sportes.
Die Resultate der beiden ersten auswärtigen Spiele waren:
Viktoria - Dresdener F.C. 0: 5
Viktoria - Prager Regatta 6: 1
Das Retourwettspiel in Prag wird für Silvester geplant. Um zu diesem Zwecke die Kasse zu stärken, veranstaltet man ein Billardturnier. Als geistiger Vater der Prager Regatta wird der in Sportkreisen nicht unbekannte Name Ludwig Staßny genannt.
Für die Prager Fahrt bewilligt der Verein pro Mann 14 M., sage und schreibe vierzehn Mark Zuschuß, d. h. die Hälfte der Fahrtkosten ungefähr. Einzelne Mitglieder der Mannschaft waren aber selbst zu stolz, das zu nehmen und erklärten, auf eigene Kosten zu fahren. Auch ein edler Spender von 10 M., Herr Boerger, fand sich noch. Viktoria trat also Silvester 1893 das erste Mal im Ausland auf in weißem Dreß mit blauem Band um den Arm. Das Resultat lautete: Viktoria - Prager Regatta 7: 0
1894 - 1. deutsche Meisterschaft
Viktoria tritt als Berliner Fussballmeister zum ersten Finale um die deutsche Fussballmeisterschaft an - und gewinnt kampflos - der Gegner Hanau 93 verzichtet wegen zu hoher Reisekosten. 113 Jahre später treffen sich beide Mannschaften wieder, um auszuspielen, was sportlich nie geklärt wurde (siehe 2007).
1895
Viktoria wird wieder Berliner Fussballmeister - das entscheidende Spiel gegen Germania wird in der Chronik wie folgt beschrieben:
... Viktoria contra Germania. Der Kampf der Saison ist vorüber und der Wunsch des Redakteurs von "Spiel und Sport": "Die bessere Mannschaft möge gewinnen", ist in Erfüllung gegangen. Viktoria siegte nach brillantem Spiel mit 2 : 0. Eine riesige Zuschauermenge wartete ungeduldig auf den Beginn des Schauspiels, und es war bereits nach 4 Uhr, als die Pfeife des Schiedsrichters zur Aufstellung aufforderte.
Germania gewann die Wahl des Platzes und entschied sich für die Südseite. Viktoria hatte dadurch eine sehr ungünstige Position; bergauf zu spielen und einen solch heftigen Wind gegen sich, ist gewiß keine Kleinigkeit, und mancher Freund der Blau-Weißen wird wohl klopfenden Herzens den Endenwechsel erwartet haben. Aber alle Vorteile, welche sich Germania boten, brachten ihnen nicht den erhofften Erfolg. Viktoria drängte energisch vor, und schon nach 20 Minuten gelang es denselben, begleitet von einern tausendstimmigen Bravo des Publikums, die Festung der Germanen zu erobern. Dies brachte in Germania eine große Aufregung hervor, und je hastiger sie das Spiel fortsetzten, desto sieges froher und ruhiger kämpfte die Viktoria; Als half time gepfiffen wurde, stand das Resultat immer noch 1 Goal zu 0 für Viktoria. Nach einer kurzen Pause gingen die Parteien wieder an die Arbeit. Germania versuchte noch einmal durch einen wuchtigen Ausfall das Verlorene wiederzuerobern. Ja, wenn nur die bei den blau-weißen Backs nicht gewesen wären. Heute waren sie in ausgezeichneter Form, und die enorm weiten Stöße derselben ent-lockten dem Publikum jedesmal ein schallendes Bravo. Viktoria hatte jetzt den Wind im Rücken, und nun war es für sie ein leichtes, ihre Gegner immer mehr zurückzudrängen. Der germanische Goalwächter hatte reichlich zu tun, um eine noch größere Niederlage für seine Partei abzuwenden. Die Gönner Germanias zweifelten jetzt selbst daran, daß ihre Schwarz-Weiß-Roten egalisieren würden, von welchem Zweifel sie auch bald befreit wurden. Germania hatte einen freistoß vor ihrem Goal verwirkt, und mit der größten Bereitwilligkeit schickte sich Viktoria an, diesen freistoß in ein Goal zu ver-wandeln. Noch ehe man eins, zwei, drei zählen konnte, war das Streitobjekt mit Vehemenz eingetreten. Viktoria führte jetzt mit 2: 0, und damit war der Kampf entschieden, wenngleich auch noch eine geraume Zeit zu spielen war. Die Mutlosigkeit, mit welcher sich die Germanen zum neuen Start anschickten, lieB auf keinen Erfolg ihrerseits mehr rechnen.
Als der Schiedsrichter time verkündete, war das Publikum nicht mehr zu halten. Unter fortgesetztem Hip, hip, hurra umringte es die Sieger und geleitete dieselben nach dem Umkleidungslokale.
Die Mannschaften waren wie folgt:
Germania (schwarz-weiß-rot]: W. Jestram, F. Jestram, P. Wagner, R. Wagner, Galle, Wood, Demmler, Kietzmann, McKean, Gedecke, M. Jestram.
Viktoria (blau-weiB): Horn, f. Baudach, Kugler, O. Baudach, Bobe, Paul Kralle, Luther, friese, Laube, Rüffer, ROB. .
Es ist entschieden !
Viktoria hat gewonnen und sich den Pokal endgültig angeeignet.
Das Spiel hatte einen recht angenehmen, fairen Charakter an sich und war von Anfang bis zum Schluß voll spannender Momente. Germania hatte entschieden Unglück. Einige recht scharfe Bälle gingen nur knapp vorüber, und einmal, als der gegnerische Goalkeeper mit dem Balle durchgedrängt werden sollte, rutschte der angreifende Stürmer aus, und damit hatte Germania ein sicheres Goal verloren.
Der Bund hat jetzt zwei neue Pokale anzuschaffen; einen für Fußball und den anderen für Cricket. Wer wohl die beiden nächsten Trophäen gewinnen wird?
Das Passen letzten Sonntag seitens Viktorias wurde allgemein bewundert, es war auch regelmäBiger als Germanias.
Demmler tat recht viel für seine Mannschaft, er war immer auf den Ball und behielt den Kopf stets oben. Auch Fritz Jestram arbeitete schwer; Wood war nicht besonders, dagegen zeichnete sich McKean durch viele schöne "tricky" Rushes aus. Rüffer war sicher wie immer, die beiden Baudachs waren die sichersten Stützen ihrer Partei. Der eine neu hinzugekommene Flügelmann Viktorias arbeitet noch nicht genug mit dem Kopfe und stiess öfters unüberlegt, obgleich er über gutes Material verfügt.
Tausende von Zuschauern umstanden das Feld; alle Augen verfolgten den Ball, und fast nirgend anders wurde gespielt. Während des Spiels wehte ein ziemlich scharfer Wind, aber erst als Zeit gepfiffen wurde, fing es zu regnen an und dann auch nicht gelinde.
1896
Viktoria wird Berliner Fussball- und Cricketmeister. Und beim Spiel
Viktoria - Hertha 5:1
taucht zum ersten Mal der Name Hertha auf.
1897
Viktoria wird Berliner Fussball- und Cricketmeister.
1898
An den Punktspielen eines nicht näher benannten Klubs nimmt ein nicht berechtigter Spieler teil. Viktoria tritt protestierend aus dem Deutschen Fussball- und Cricket-Bund aus. Und tritt in Kontakt zu einem neuen Verband.
1899
Die Generalversammlung im Januar zeigt den Verein im glücklichen Besitz von annähernd 300 Mark. Wie schon im Jahr zuvor wird Viktoria Cricketmeister.
1900
Am 28. Januar wird der Deutsche Fussballbund gegründet. Die Vereinschronik kommentiert dies als "den langjährigen Traum aller deutschen Fussballer". Viktoria tritt dem neuen Verband bei.
1901
Die »Bäder- und Sport-Zeitung« finanziert die Reise einer repräsentativen Berliner Fussballmannschaft nach England. Teilnehmen sind Eichelmann (Germania), Faber (Britannia), Holkamm (Viktoria), Wernicke (Germania), K. Wünsch (Viktoria), Ivo Schricker (Akademiker), Gruschwitz (Viktoria), Jestram (Britannia), Glasow (Union), Zierold (Germania), Kralle (Viktoria), Vierke (Britannia) .
Die Resultate der Spiele:
Southhampton - Berlin 5:1
Aston Villa - Berlin 6:2
Tottenham Hotspurs - Berlin 9:6
Millwall - Berlin 7:2
Richmond - Berlin 7:1
1902
Viktoria wird zum 6. mal Berliner Fussballmeister und verliert das Freundschaftsspiel D.F.C. Prag - Viktoria 2:1
1903
Die Zeitschrift »Neue Sportwoche« lobt einen Pokal aus. Viktoria gewinnt diesen im Spiel Viktoria-Preussen 2:1, und gewinnt das Freundschaftsspiel gegen Kopenhagener Akademiker in Dänemark mit 4:3.
1904
Viktoria scheidet frühzeitig aus dem Meisterschaftssrennen aus und konzentriert sich auf Freundschaftsspiele. Nachdem der DFB einen Boykott gegen die Tschechen aufgehoben hat kommt es zu der Begegnung
Slavia Prag - Viktoria 2:2
und kurz darauf zu einem Vergleich
Viktoria - Haarlem (Holland) 2:1
Viktoria - Haarlem 2:1
1905
Viktoria errichtet einen eigenen Sportplatz, das Militär beginnt, sich für Sport zu interessieren, Mitglieder der Kaiserfamilie werden Viktoria-Fans. Dazu der Kommmentar aus 25jährigen Festschrift:
... In diesem Sommer bereitet sich für unseren Verein ein weiteres Ereignis von weittragendster Bedeutung vor, die Schaffung eines Sportplatzes.
Wir folgen damit den Bahnen anderer Vereine und gründen uns eine feste Stätte, welche noch heute, da wir immer besondere Sorgfalt auf ihre Pflege und auf weiteren Ausbau gelegt haben, als der beste Fußballplatz Berlins anzusehen ist. Die Schaffung dieses Platzes ist keine leichte Arbeit gewesen, standen uns doch keine wohlhabenden Gönner zur Seite, die dem Verein die notwendigen Gelder schenkten. Wir mußten vielmehr die geliehenen Moneten treu und brav verzinsen und nach Kräften zurückzahlen, was uns glücklicherweise dank der dauernd guten Leistung unserer Mannschaft auch vollauf gelungen ist. Es blieben sogar reichliche Gelder zur Verfügung, die im Laufe der Jahre einen immer weiteren Ausbau möglich machten, so daß, was Zuschauerplätze anbetrifft, unser Platz wohl der beste in Deutschland noch heute ist.
Der größte Teil der großen und mühevollen Arbeit, welche in unserem Platz steckt, ist gratis und franko geleistet worden, und eins der beigegebenen Bilder zeigt im heißen Sommer des Jahres 1905 Jung- und Alt-Viktoria als getreue Zimmerleute, Rohrleger und Erdarbeiter im Schweiße ihres Angesichts in meist ungewohnter Tätigkeit für ihre liebe Viktoria ein Heim schaffend, So haben uns unsere Mitglieder im laufe der Jahre Tausende verdient und der Verein ist ihnen zu großem Dank verpflichtet.
Petrus war dem Klub am Eröffnungstage des neuen Heimes leider recht feindlich gesinnt, denn ein Dauerregen machte das Spiel:
Viktoria - Magyar Athletikai Club 5: 2
zu einem recht ungemütlichen. Trotzdem hatten sich 1500 Zuschauer eingefunden, die aber ein finanzielles Defizit dieses Eröffnungstages nicht abwenden konnten. Besonders "klangreich" - wörtlich zu nehmen - ist dieser denkwürdige Tag demnach kaum gewesen. Unsere neue Fußballmannschaft präsentierte sich in folgender Gestalt:
Scranowitz
Holzkamm, Moeck,
Sergott, Röpnack I., F. Reiser
Knuth, Reinke, Röpnack II., Knesebeck
...In diesem Herbst regt sich auch zum ersten Male in militärischen Kreisen Interesse für unseren Sport. Als eifrigen Besucher und Anhänger unseres Klubs sehen wir den damaligen Oberleutnant von Sydow, welcher den Fußballsport in der lichterfelder Kadettenanstalt einführt. Wir dürfen uns also auch als Pioniere für das Eindringen des Fußballsportes in die Armee ansehen. Der erste lehrer der zukünftigen Offiziere war unsere alte Kanone Paul Kralle.
Lange Jahre ging es nun in Lichterfelde recht lebhaft zu. Erst als späterhin der sportfreudige Herr von Sydow nach Bremen verseht wurde; ließ die Begeisterung etwas nach. Kralles Nachfolger in späteren Jahren waren Dumke und Worpitzky, welche dadurch in innigen Konnex mit zwei sporteifrigen Mitgliedern unseres Kaiserhauses kamen, die man dann oft bei unseren Wettspielen als eifrige Viktoriaanhänger sah. Es sind dies die Söhne des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, des Schwagers unseres Kaisers, die Prinzen Friedrich Sigismund und Friedrich Karl von Preußen ...
Die Arbeitskolonne beim Bau des Sportplatzes
1906
Viktoria spielt gegen Celtic Glasgow 1:4. Der Vereinchronist beschwert sich über die Erfolglosigkeit im Cricket und Fussball - allerdings wird ein internes Leichtatlethik-Meeting hervorgehoben, bei dem die "alten Rennpferde" die Jugend "in Grund und Boden laufen".
1907
Viktoria wird zum 7. mal Berliner Fussballmeister und gewinnt gegen den dänischen Meister Boldclubben af 1893 4:0.
1908 - 2. deutsche Meisterschaft
Viktoria wird zum 8. mal Berliner Fussballmeister und verliert im 10. Freundschaftsspiel gegen D.F.C. Prag auswärts 0:5. Die Vereinschronik erwähnt dann noch mit vier Zeilen das Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegen die Stuttgarter Kickers auf dem Germaniaplatz. Endstand 3:1 für Viktoria Berlin.
Offensichtlich bemerkenswerter scheint eine Reise nach Schweden, um zur Platzeröffnung von Orgryte Idrotts Sällskap in Göteborg mit 3:2 erfolgreich zu sein.
aus dem Endspiel gegen die Stuttgarter Kickers
1909
Viktoria wird zum 9. mal Berliner Fussballmeister und gewinnt die 5. Berliner Cricketmeisterschaft. Die Festschrift zum 25jährigen Jubiläum erwähnt diese Cricket-Meisterschaft ausführlich und in Tabellenform:
Es war ein erbittertes Ringen in der ganzen Saison. Der alte Meister Preußen wurde nur mit 8, Britannia mit 4 Läufen geschlagen. Gegen Union ergab sich sogar das im Cricketsport so seltene "unentschieden", so daß ein Entscheidungsgang nötig wurde, der einen glänzenden Erfolg brachte.
Wir lassen die Tabellen reden:
I. Gang Viktoria: Läufe
Fischer | ausgestoßen | Herzog | 2 |
Laube | geballt | Weimann | 3 |
W. Holzkamm | geballt | Olasow | 17 |
H. Röpnak | vorgestanden |
| 1 |
F. Baudach | geballt | Weimann | 2 |
A. Röpnack | geballt | Weimann | 3 |
Dannhoff | gefangen | R.Oriulatis | 1 |
Dumke | geballt | Glasow | 0 |
Selge | nicht aus |
| 0 |
O. Baudach | gefangen | Schulze | 0 |
Lehming | gefangen | Herzog | 4 |
Beien |
|
| 6 |
|
|
|
|
Gesamt |
|
| 39 |
I. Gang Union: Läufe
Herzog | geballt | O. Baudach | 0 |
O. Girulatis | gefangen | Dumke | 9 |
Weimann | geballt | O. Baudach | 0 |
Thiel | geballt | O. Baudach | 2 |
R. Schulze | geballt | O. Baudach | 5 |
Kieschke | ausgestossen | Holzkamm | 2 |
R. Girulatis | geballt | O. Baudach | 1 |
Fröhde | geballt | O. Baudach | 0 |
Blume | geballt | F. Baudach | 7 |
Olasow | gefangen | F. Baudach | 0 |
Block | nicht aus |
| 7 |
Beien |
|
| 2 |
|
|
|
|
Gesamt |
|
| 35 |
II. Gang Viktoria
Fischer | nicht aus |
| 1 |
Laube | gefangen | O. Girulatis | 1 |
Selge | nicht aus |
| 4 |
|
|
|
|
Gesamt |
|
| 6 |
II. Gang Union
Herzog | geballt | F. Baudach | 0 |
O. Girulatis | geballt | O. Baudach | 0 |
Weimann | geballt | F. Baudach | 0 |
R. Schulze | ausgestossen | Holzkamm | 1 |
Thiel | ausgestossen | Holzkamm | 0 |
Kieschke | geballt | F. Baudach | 5 |
Blume | geballt | F. Baudach | 0 |
R. Girulatis | gefangen | F. Baudach | 3 |
Fröhde | geballt | O. Baudach | 0 |
Glasow | nicht aus |
| 0 |
Block | ausgestossen | Holzkamm | 0 |
|
|
|
|
Gesamt |
|
| 9 |
Viktoria siegt überlegen mit einem Lauf und 9 Toren. Die Helden des Tages waren als Schlagmann Willy Holzkamm, zugleich der bisher unerreichte Wickethalter Berlins, und die Gebrüder Baudach als unwiderstehliche Ball-Leute. Wie es bei diesem Sport, wo das Alter keine Rolle spielt, üblich ist, sehen wir alles in der Elf von der ältesten bis zur jüngsten Generation vertreten.
Ein triumphreiches Jahr hat damit seinen Abschluß gefunden und wir stürzen uns wieder auf die Fußballsaison, an der wir, der Betrieb wächst in schnellem Tempo, diesmal mit sechs Senioren und drei Juniorenmannschaften teilnehmen.
1910
Der Chronist bedauert »hier und da einen Knüppel zwischen den Beinen« und begründet somit den zweiten Platz »nach hartem Kampfe« beim entscheidenden Spiel Viktoria - Preußen 2:3 um die Berliner Fussballmeisterschaft. Die Reisselust ist ungebrochen - »Ostern weilen wir im Land der Bajuwaren, mit geteiltem Erfolge«
Wacker München - Viktoria 3:2
1. FC Nürnberg - Viktoria 0:6
und die folgende Reise nach Stockholm bringt die Ergebnisse
Upsala Studenten - Viktoria 0:1
Djurgarden Idrottsförening - Viktoria 3:2
Das Spiel um einen von beiden Mannschaften gestifteten Pokal zwischen Viktoria - Hertha endet 4:0.
1911 - Die dritte deutsche Meisterschaft und grosse Begeisterung
Die dritte deutsche Meisterschaft im Fussball, daraffolgende Freundschaftsspiele und Turniere in der Schweiz gegen die Young Boys und den F.C. Turino, die Neurdnung des Verbandes und vor allem das entscheidende Spiel um die Berliner Meisterschaft veranlassen den Verfasser der 1. Festschrift (1914), Otto Colosser, zu einer ausführlichen und unvergleichlichen Beschreibung:
Das Jahr wird am Neujahrstag mit einem großen Erfolg eröffnet:
Viktoria - Braunschweiger Eintracht 6: 0.
Durch den Sieg von 6 : 0 über Union schraubt sich im Januar Preußen mit uns auf gleiche Höhe und zwischen beiden Mannschaften entwickelt sich in der frühjahrssaison ein erbitteries Ringen, das bis zum letzten Augenblick die Fufsballwelt in Atem hält. Viktoria verliert einen Punkt 1 : 1 an Minerva und liegt eine Nasenlänge hinter Preußen. Die letzten fünf Spiele hätten also bei weiterem Verlust unserer Mannschaft dem Gegner unweigerlich die Spitze gebracht. Jedes unserer Spiele war also entscheidend für die Meister-schaft. für die Kassen unserer Gegner wir erhielten. nur 10% als besuchender Klub - waren das glänzende Tage. Nun, wir trösteten uns mit der Ehre !
Unsere Widersacher zwangen wir durch einen glatten Sieg wieder einen Punkt hinter uns, aber die Gefahr blieb bestehen. Wegen der ungünstigen Witterung waren wir an Spielen weit hinter Preußen zurück. Die Resultate waren:
Viktoria - Preußen 4: 2
Camacho war verschwunden. Dafür war Hahn in die Verteidigung gestellt und Röpnack stürmte halbrechts.
Preußen hat in Hanot einen hochklassigen Verteidiger, aber Dumke, der Held des Tages, neben der glänzend arbeitenden Läuferreihe, geht ihm immer wieder am rechten Flügel auf und davon. Zwei Zeichen sportlichen Geistes, die ja zwischen diesen Mannschaften häufiger zu konstatieren gewesen sind, seien der Nachwelt erhalten: In einer kritischen Situation verzichtet Preufsen auf die Ausführung eines recht unangebrachten Elfmeters. Als später Viktoria ein solcher mit absoluter Berechtigung zuerkannt wird, läßt ihn Röpnack gleichfalls absichtlich aus, und beides im Entscheidungsspiel um die Meisterschaft!
Das nächste Spiel bringt:
Viktoria - B. B. C. 4: 0.
Vielleicht der denkwürdigste Tag in allen Meisterschaftsspielen während der ganzen 25 Jahre unseres Bestehens!
Viktoria - Hertha 5:4 !!!
Heftiger Wind fegte über den Herthaplatz. Bei der Pause stand das von Herrn Girulatis geleitete Spiel noch 1 : 1. Eine momentane Schwäche - Hertha hatte jetzt die bessere Seite - unsere Hintermannschaft warf uns mit 1 : 4 aussichtslos in den Hintergrund. Alles gratulierte schon den anwesenden Preußen zur Meisterschaft. Doch einer unter ihnen, einer der besten Kenner unserer Mannschaft, der bekannte Schiedsrichter von Paquet, schüttelt noch 18 Minuten vor Schluß den Kopf. "Es ist noch nicht aus, ich kenne Viktoria". Er sollte recht behalten. Mit beispiellosem Elan riß sich die Mannschaft zusammen, warf alles vorn in die Wagschale und spielte Hertha in Grund und Boden. Der lahme Kugler geht nach außen. Gasse, Worpitzky, Röpnack bilden das Innen-trio. 24. Minute: Worpitzky 2: 4
32. Minute: Elfmeter: Röpnack 3: 4
Gasse-Worpitzky-Dumke pressen sich gemeinsam mit dem Ball durch: 4: 4.
Grenzenloser Jubel! Es genügt! Unentschieden macht noch ein Entscheidungsspiel gegen Preußen nötig! Der Tag ist gerettet! Zwei Minuten vor Schluß: Röpnack wird 12 m vorm Tor der Ball zugeschoben: 5: 4, Sieg!
Ein Orkan des Beifalls - und elf total erschöpfte, aber glückliche Sieger verlassen den Platz! -
"Viktoria gibt kein Spiel vor dem Abpfiff verloren !", so prägt sich der Oeffentlichkeit der Satz ein, der für diese aufopferungsfähige Generation typisch war.
Die siegreiche Mannschaft weilte am nächsten Sonntag in Prag ohne Dumke:
Viktoria - D. F.C. Prag 2: 1.
Worpitzky schießt beide Tore. Welkisch und Fischer glänzend.
Stand nunmehr zwischen den Vereinen:
D. F. C. 6, Viktoria 4 Siege, 2 Spiele unentschieden.
Die Meisterschaft entwickelte sich dann weiter:
Viktoria - Union 3 : 2.
Knapper Sieg! Dumke bringt 10 Minuten vor Schluß. die Entscheidung. Ostern weilten wir das zweite Mal in Schweden, und zwar wieder in Göteborg, und brachten trotz mehrfacher Ersatzleute zwei schöne Erfolge heim:
Viktoria - Orgryte Idrotts SälIskap 3: 1.
Viktoria - Orgryte Idrotts SälIskap 4: 1.
Karfreitag hatte Deutschland einen schönen Triumph durch ein unentschiedenes Spiel gegen Englands Repräsentativen. Mit glänzendem Erfolge vertraten hier Worpitzky und Hunder unsere Farben.
Der nächste Sonntag brachte uns endgültig die Berliner Meisterschaft
Viktoria - Britannia 6: 1.
Viktoria zum 10. Male Berliner Meister
Bevor wir in die deutsche Meisterschaft gehen, empfangen wir noch zwei große auswärtige Gegner:
Viktoria - D. F. C. Prag 2: 3.
Das Spiel wird infolge von Mißhelligkeiten leider kurz vor Schluß vom Schiedsrichter abgebrochen. Die Prager Elf ist die bessere. Bei uns fehlt Hunder verletzt. 13. Spiel zwischen den beiden Klubs.
Dann empfangen wir nach langer Zeit und von nun an regelmäßig den Besuch von Berufsspielermannschaffen aus der ersten englischen Ligaklasse. Wir überraschen die kontinentale Sportwelt durch das sensationelle Resultat:
Viktoria - Middlesborough 3: 3.
Viktoria lieferte unter dem Beifallssturm der Zuschauer ein glänzendes Spiel. - Camacho war das letzte Mal halbrechts tätig.
Dumke hatte den Glanztag seines Lebens. Bei der Pause stand es 1 : 0 für England. Dann gleicht Dumke aus, indem er einen Kopfball von Worpitzky eindrückt. Durch Verwandlung einer Flanke von Gasse verschafft er uns die Führung. Dann bricht er nochmal glänzend durch, 3: 1 für Viktoria - das Publikum rast! - In 4 Minuten 3 Tore! Dabei stand im Tor der Gegner Englands internationaler Torhüter Williamson. - Die Gäste wollen Dumke mit nach England nehmen.
Dann geht es an die deutsche Meisterschaft, bei der die Ostdeutschen auf den Gang mit uns verzichten:
Hamburg: Viktoria - Holstein Kiel 4: 0.
Dresden: Viktoria - V. f. B. Leipzig 3: 1.
Im ersten Spiel ist anfangs die durch die Gebrüder Nielsen sehr verstärkte norddeutsche Mannschaft im Vorteil. In der 10. Minute schießt aber Kugler das erste Tor, das zweite läßt Worpitzky folgen. Dann verschießt Röpnack einen Elfmeter. Pause 2: 0. In unserer Verteidigung ist der lahme Fischer durch Hahn ersetzt. Die Verteidigung ist anfangs recht unsicher, aber Welkisch ist Meister in allen Situationen. Nach der Pause zieht Kiel mächtig an, aber - vergebens. Dumke läuft blitzschnell durch, schiebt zu Gasse, und das Treffen ist entschieden. Krüger stellt das Resultat auf 4: 0. In den letzten 20 Minuten zeigt das technisch famose Dreieck Hunder-Gasse-Kugler eine Solovorstellung hoher Fußballkunst. 60 glückliche Viktorianer traten eine unvergeß!ich fröhliche Heimfahrt an, und bei der Einfahrt in Berlin begrüßen auf dem Bahnhof brausende Hurras und Blumensträuße die glücklichen Sieger.
Es geht nach Dresden - eine stolze Aufgabe, eine deutsche Meisterschaft ausfechten zu dürfen angesichts der Vertreter des gesamten europäischen Fußballsports. Neben dem Bundestage tagt nämlich zu gleicher Zeit die »Fédération Internationale«.
Der kühne Wurf gelingt: Viktoria wird Deutscher Meister 1911.
Folgende Mannschaft betritt den schönen Platz der internationalen Hygieneausstellung:
Gasse. Kugler. Worpitzky. Dumke. Krüger.
Hunder. Knesebeck. Graßmann.
Fischer. Röpnack.
Welkisch.
Der Tag ist leichter als in Hamburg. Nur die Aufregung bringt die Ueberlegenheit nicht recht zum Ausbruch. Worpitzky schießt, wie fast in allen diesen Spielen, das erste Tor. Pause 1 : 0. Gasse stellt das Resultat auf 2 : 0 - die Entscheidung? Nein, der V. f. B. holt auf 2: 1. Wenige Minuten vor Schluß eine Ecke von Krüger, und Wopitzky köpft ein. Die Kritik schreibt:
Die Reichshauptstadt kann stolz auf diese Mannschaft sein. Kein schwacher Punkt ist in der Elf. Zwiefellos stellt Viktoria zurzeit Deutschlands beste Waffe dar, erprobt in tausend heißen Schlachten.
Im Tor steht der stets zuverlässige, seine Sache stets gewissenhaft nehmende Welkisch, ein vorzüglicher fänger. Prächtig ist die Deckung mit dem gewiegten alten Verteidiger Fischer. Sein Nachbar ist der flinke, stoß-gewaltige Röpnack, der besten einer in Angriff einst, heute in der Deckung. Zu ihr gesellt sich eine glänzende läuferreihe, sicher wohl die besteKlubreihe in Deutschland. Ueberraschend gut unter ihnen war heute Grafsmann. Knesebeck und der ruhmgekrönte Internationale Hunder waren, wie immer, die Türme in der Schlacht. Im Angriff vereinen sich in glücklicher Zusammensetzung die energievollen Dränger und Stürmer Worpitzky und Dumke - die Schrecken der Torhüter - mit dem eleganten Flügel Gasse-Kugler, der sich in kurzer Zeit einen Namen im deutschen Vaterlande gemacht hat. Last not least reiht sich den Großen würdig an der 18 jährige Krüger, berufen, die alten Traditionen fortzusetzen. Den Siegern winken als Extrageschenk neben den Medaillen des D. f. C. silberne Erinnerungsbecher der Ausstellung. Eine fröhliche Fahrt mit den anwesenden Damen - natürlich war tout Viktoria mit Damen an diesem Ruhmestage, wo die Sonne glühend heiß auf die Köpfe niederbrannte, in Dresden - in die Sächsische Schweiz schloß diese Triumphzeit unseres Klubs würdig ab.
Nach Schluß der Saison sandte Deutschland seine Ländermannschaft nach Schweden, in der Viktoria durch Hunder, Dumke und Worpitzki vertreten waren. Deutschland war siegreich mit 4: 2; Dumke der Held des Tages. Er brachte drei Tore auf sein Konto.
So schloß wohl die ruhmreichste Fußballsaison, die unsere erste Mannschaft je durchgemacht hat. Was die unteren Mannschaften anbetrifft, so endete nur die erste Jugendmannschaft in diesem. Jahre an erster Stelle in ihrer Abteilung.
Die Cricketsaison brachte uns keine neuen Erfolge. Berlin hat englische Cricketer als Gäste, den Leicester Cricket Club, die Viktoria mit 1 Gang 3 Toren und 161 läufen absägen und auch eine kombinierte Mannschaft, in der von uns Iiustan, Ladwig und Gebrüder Baudach mitwirken, spielend niederringen.
Im Laufe des Sommers wird unsere Mannschaft mit auswärtigen Angeboten überschwemmt, so müssen wir eine Fahrt nach Moskau ablehnen, weil wir an einem Turnier in der Schweiz, St. Moritz, teilnehmen und uns im Anschluß daran nach Teplitz verpflichtet haben.
Unsere Saison wird eröffnet mit einer Fahrt nach Breslau:
Viktoria - BresIauer Sportfreunde 8 : 0.
Dann geht es an die an Triumphen reiche Si. Moritzer Reise. Vorher sind wir in Basel:
Basel: Viktoria - Joung Boys 5: 2.
St. Moritz- Tournier:
Viktoria - f. C. Turino 9: 0.
Viktoria - Joung Boys 4: 2.
Viktoria - Phönix Karlsruhe 2 : 1.
Von St. Moritz geht es direkt nach:
Teplitz: Viktoria - Teplitzer F. C. 2: 2.
In einer Woche mutet sich die Mannschaft mit beispiellosem Erfolge gewaltige Reisen und dabei 5 Spiele zu, eine Ueberanstrengung, nach welcher der Rückschlag nicht ausbleiben konnte.
Die Mannschaft sah am rechten Flügel für Krüger den schnellen Arndt, für Knesebeck spielte mit großem Erfolge Moeck, und für Fischer war Hahn tätig. Im entscheidenden Spiel erzielten Gasse und Worpitzky die Tore. Gegen die Italiener brachte Dumke allein 6 Erfolge fertig. Der wertvolle Pokal, eigentlich ein Wanderpreis, geht nach Berlin. Da das Turnier nicht wiederholt worden ist, so sonnen wir uns in dem endgültigen Besitz einer kostbaren Trophäe.
Im Berliner Fußballsport hatte es in diesem Sommer gewaltige Um- wälzungen gegeben. Der V. B. B. und der M. F. B. hatten sich unter dem sanften Druck des Bundes in den Verband Brandenburgischer Ballspielvereine verschmolzen. Wegen der Klasseneinteilung gab es große Kämpfe. Jeder wollte doch an die Sonne. Das Endresultat waren zwei Abteilungen zu 10 Ver-einen mit der Maßgabe, daraus in der nächsten Saison eine Ligaklasse zu bilden, nach Verlauf der Saison, wie wir sie heute haben. Die Abteilungen lauteten:
A:
Britannia
Union
Viktoria
Favorit
B. B. C.
Germania
Vorwärts
Tennis Borussia
Triton-Spandau
B. S. C.
B:
Minerva
Viktoria Spandau
Alemania
Rapide
Norden-Nordwest
Concordia
Hertha
Tasmania
Preußen
Charlottenburger S. C.
Im Länderkampf Oesterreich-Deutschland unterlagen wir mit 2: 1. Das einzige Tor schoß Worpitzky. Neben ihm spielten von uns noch Röpnack und Hunder.
Wir traten mit 8 Senioren- und 2 Juniorenmannschaften an und gewannen die ersten Spiele leicht. Dann kam die erste Sensation, unsere Niederlage gegen Britamia 1 : 4.
Gegen Wien spielten von uns nur Hahn, Fischer und Hunder. Wir selbst hatten am gleichen Tage auswärtige Gäste:
Viktoria - Hannover 96 3: 1
Im Vorsitz während dieser Herbstserie hatte mich auf einige Zeit Caspar Schmitz abgelöst. Wir verloren dann Gasse, unsern famosen flügelstürmer, nach Prag. Die nächste Schlappe brachte uns Union, wieder mit 1 : 4 bei, so daß wir von unserem stolzen Thron gestürzt waren. Einige alte Kanonen begannen zu wanken, so trat Fischer, weil das Alter doch seine Wirkungen geltend machte, von dem Schauplatz großen Ruhmes ab, und es bildete sich das Verteidigerpaar Hahn-Röpnack für die nächsten Jahre. Auch Grafsmann zeigte Schwächen, und es erschien der Vorbote der vierten Generation Viktorias, der aus der Jugendmannschaft hervorgegangene Ladwig. Die Mannschaft begann sich wieder zu erholen.
Gegen Schweden in Hamburg, 1 : 5 verloren, war Viktoria durch Dumke, Kugler und Hunder tätig.
Im Kronprinzenspiel gegen Norddeutschland in Hamburg (2: 1 für Berlin) finden wir Röpnack, Knesebeck, Hunder, Dumke, Worpitzky und Kugler vertreten. Knesebeck und Röpnack waren die Helden des Tages. Gleich darauf folgte in Berlin das Städtespiel gegen Hamburg mit dem schönen Resultat von 5 : 2 für uns. Es spielte die gleiche Berliner Mannschaft, bei der Röpnack und der Angriff, namentlich Dumke, prächtiges leisteten.
Durch ein unentschiedenes Spiel gegen Vorwärts 2: 2 kamen wir noch weiter ins Hintertreffen, so daß wir am Schlusse der Herbstserie wenig rosig drei Punkte hinter Britannia und Union lagen.
Beim Länderkampf in München gegen Ungarn, in dem wir uns mit 1 : 4 beugen müssen, stellen die Viktorianer Hunder, Knesebeck, Worpitzky ihren Mann.
In den sich anschließenden Spielen gegen zwei ausgezeichnete auswärtige Mannschaften versagen wir total. In Braunschweig war mehrfacher Ersatz und gegen Karlsruhe versuchten wir, weil Welkisch eine Schwächeperiode hatte mit völlig negativem Erfolge einen jungen Torhüter.
Viktoria - Braunschweiger Eintracht 0 : 5.
Viktoria - Karlsruher F. V. 1: 6.
Wir stehen vor einem völligen Debacle und müssen schwer arbeiten, um wieder hoch zu kommen. Die Lücken sind nicht recht glücklich zu füllen, aber mit ungebrochenem Mute geht es ins Frühjahr, wo es langsam wieder besser wird. Sehr gut stehen dagegen verschiedene unserer unteren Mannschaften.
1912
Die erfolgreiche Mannschaft fällt auseinander - Viktoria spielt gegen Woolwich Arsenal 2:2 - beim Kampf um die deutsche Meisterschaft im Fussball verliert Viktoria nach 2 1/2 Stunden gegen den späteren Meister Holstein Kiel mit 2:1.
1913
Viktoria wird zum 11.mal Berliner Fussballmeister - Colosser, Arndt und Kugler fahren zum Städtekampf gegen Paris - Viktoria verliert auswärts gegen Milan Club (den heutigen AC Mailand) 1:3 und gewinnt gegen Internationale Mailand 2:0 - Viktoria siegt zum ersten mal über eine Mannschaft der ersten englischen Klasse, gegen die Bolton Wanderers 2:1 - das folgende Spiel gegen die Blackburn Rovers geht mit 2:4 verloren.
1914
Viktoria verliert gegen englischen Pokalsiegere Burnley 1:2 - Chronist Otto Colosser vermeidet jede Erwähnung des beginnenden ersten Weltkriegs - und beendet seine Festschrift zum 25jähigen Jubiläum des Vereins mit den Worten:
... Gebe das Geschick, daß mein Wunsch, mit dem ich mein Büchlein der Oeffentlichkeit übergebe, sich erfüllen möge, daß derjenige, der berufen ist, nach abermals 25 Jahren, wenn der Schreiber dieses vielleicht schon zur groBen Armee abberufen ist, oder, wenn er als müder Greis sich wehmütig stolzer Jugendtage erinnert, die feder zu führen, um die Geschichte Viktorias zu schreiben, dieses mit noch gröBerem Stolze tun kann, als ich es getan habe.
In diesem Sinne darf ich wohl als derjenige, der eine lange Reihe von Jahren in großer Zeit berufen war, die Geschicke unseres Vereins zu lenken, den Alten zurufen:
Dank Euch Allen, die es vollbracht!
Und alle Alten vereinen sich mit mir darin, der Jugend den Spiegel vorzuhalten, den dieses Büchlein ihnen gibt, das von Treue um Treue und von reichem Segen spricht, ihnen als Wahlspruch auf den Weg die Worte unseres Dichterfürsten Goethe mitzugeben:
"Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen!"
Otto Colosser